Geburt allein im Wald

In der “Presse am Sonntag” vom 21. September 2014 habe ich einen Beitrag zum neuen Buch “Alleingeburt” von Sarah Schmid gestaltet (edition riedenburg 2014). Was man auch immer davon halten soll, es lohnt sich, sich sehr kritisch damit auseinanderzusetzen.

Warum? Das Thema Alleingeburten (im Englischen freebirthing oder unassisted birth) ist zuletzt präsenter geworden. Beim Internationalen Hebammenkongress in Prag im vergangenen Juni beispielsweise drückten einige Hebammen ihre Sorgen über diese Entwicklung aus.

Die Freebirthing-Bewegung ist die radikalste Antwort auf die Kritik an der aktuellen Geburtshilfe. Ich persönlich stehe dieser Ideologie sehr kritisch gegenüber, auch wenn ich einige Argumente durchaus teile. Ja, Frauen sollten unbedingt darin gestärkt werden, dass sie aus eigener Kraft gebären können. Aber sie brauchen auch eine einfühlsame und professionelle Begleitung und Unterstützung in dieser wichtigen Lebensphase.

Das ist auch der Grund, warum ich zwiespältige Gefühle habe, wenn ich Videos, die Alleingeburten zeigen, anschaue oder Geburtsgeschichten dazu lese. Einerseits – auf der emotionalen Ebene – finde ich diese Bilder und Geschichten durchaus beeindruckend (auch wenn es befremdlich ist, dass diese Frauen zwar von Intimität sprechen, aber Videos von den Geburten zulassen). Die Frauen sind so aktiv und die Geburten erscheinen so geglückt, oder sagen wir so “natürlich”. Andererseits nicht auszudenken, wenn die Kinder nicht so geschmeidig raus kämen.

Es ist wahrscheinlich so, wie mir der bekannte Geburtshelfer Michael Adam im Interview gesagt hat: Als Frauenarzt würde er einer Frau, die so etwas plant, das Kapitel “Pathologie in der Geburtshilfe” vorlesen. Aber als Privatperson würde er sich zurücknehmen und sagen: Was steht es mir zu, darüber zu urteilen. Es sei wie mit den Frei-Kletterern, die ohne Seil und Schutz  in Schluchten und auf hohe Felsen klettern.

Ja, jeder bewundert deren Mut, um sogleich hinzuzufügen: Aber wenn er ausrutscht….

Nur, in diesem Fall “klettert” ein Kind, das nicht gefragt wird, mit.

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