Im Zweifel für den Kaiserschnitt

In jeder Diskussion um die hohe Kaiserschnittrate wird ein gewichtiger Grund für den Anstieg genannt: Die Angst der GeburtshelferInnen vor Fehlern, Klagen und Gerichtsprozessen. In der  ”Presse am Sonntag” vom 23. November 2014 habe ich dazu eine Doppelseite gestaltet.

In diesem Rahmen habe ich auch über ein aufsehenerregendes Urteil in Deutschland geschrieben: Eine angesehene Hebamme und Ärztin wurde vor dem Landesgericht Dortmund wegen Totschlags verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Es schlägt aber schon jetzt hohe Wellen.

Der “Fall” ist sehr kompliziert, vor allem aber macht er sehr betroffen. Losgelöst von Details wirft dieser Fall für mich einige wichtige Fragen auf, die derzeit die Geburtshilfe sehr beschäftigen.

  • Wie gefährlich ist die Geburt aus Steißlage wirklich?
  • Wie weit darf der Wunsch einer Gebärenden nach Selbstbestimmung gehen?
  • In welchen Bedingungen ist eine außerklinische Geburt möglich, wann untersagt?
  • Darf eine Hebamme oder eine Ärztin dennoch eine außerklinische Geburt führen, weil es die Frau so wünscht oder weil sie selbst von den vorgegebenen Regeln nicht überzeugt ist?
  • Wie kann einer Polarisierung und Ideologisierung in der Geburtshilfe entgegengewirkt werden – auf beiden Seiten, der schulmedizinischen und der alternativmedizinischen?
  • Wie kann im Klinikalltag der Selbstbestimmung einer Frau mehr entsprochen werden, damit Frauen nicht in Situationen “getrieben” werden, die eventuell für Frau, Kind und Hebamme gefährlich sein könnten (medizinisch und rechtlich)?

All diese Fragen werden noch lange diskutiert werden. Sie sind Ausdruck einer Krise, in der sich die Geburtshilfe befindet. Die berechtigte Forderung der Frauen nach mehr Selbstbestimmung, das dennoch sehr hohe Bedürfnis nach Sicherheit und der derzeitige Status Quo der geburtshilflichen Arbeit scheinen nicht im Einklang miteinander zu stehen. Gefährlich ist hierbei jede Form der Ideologisierung. Es gibt in der Praxis viele positive Beispiele, wo neue Ansätze von ÄrztInnen und Hebammen gemeinsam im Sinne der Frauen umgesetzt werden- mit einem realistischen Zugang von allen Seiten. Denn letztlich, und das macht dieser tragische Fall ebenso deutlich, gibt es etwas bei der Geburt eines Menschen, das sich nicht einschätzen, vorhersehen und kontrollieren lässt – etwas Unberechenbares, Irrationales. Es kann auch das Wunderbare sein oder das absolut Tragische – wie in jenem Fall um das leblos geborene Mädchen, um dessen Tod es in dem aufwendigen Gerichtsverfahren gegangen ist, das nun in einem Urteil wegen Totschlags vorläufig endete.

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